Gasse - Urbane Raumaneignung

Raumaneignung als Akt des Widerstands

Was bedeutet Aneignung?

Aneignung beschreibt den Prozess, durch den Menschen den sie umgebenden Raum aktiv gestalten, umdeuten und sich zu eigen machen. Im architektonischen Kontext geht es darum, wie Nutzer*innen über die ursprünglich geplante Funktion eines Raumes hinausgehen und ihm neue Bedeutungen verleihen.

Es ist ein Akt des Widerstands gegen die rein funktionale, ökonomische Logik der Stadt – ein Zurückerobern von Lebensqualität und kollektivem Raum.

Lefebvre

La production de l'espace (1974)

  • Ein Raum wird angeeignet, wenn er den Bedürfnissen und dem Rhythmus der Menschen angepasst wird, die darin leben. Es geht darum, dass die Bewohner den Raum zu „ihrem" machen, ihn umgestalten und ihm eine eigene Bedeutung geben.
  • Aneignung bedeutet, den Raum aus seiner ökonomischen Logik zu befreien: Ein öffentlicher Platz, der eigentlich nur als Durchgangsweg geplant war, wird durch Straßenkünstler, spielende Kinder oder politische Versammlungen „besetzt" und umfunktioniert. Oder der LHP, dem die Skate und BMX Subkultur eine weiter Bedeutung gegeben hat wie nur zu verweilen und durch zu gehen. Oder „Little Hawaii" als Naherholung im Sommer.
  • Aneignung als Akt des Widerstands: Es ist der Versuch, die Entfremdung im städtischen Leben zu überwinden.

Kann man Aneignung bewusst provozieren?

Kerns

Feminist City: Claiming Space in a Man-Made World (2019)

Vision einer feministischen Stadt

  • Stadt Spiegel der gesellschaftlichen Machtverhältnisse
  • Die Stadt der kurzen Wege: Kern plädiert für eine Stadt, in der Wohnen, Arbeiten, Pflege und Freizeit nah beieinander liegen. Da Frauen weltweit ca. 3-mal mehr unbezahlte Sorgearbeit leisten als Männer, trifft sie die räumliche Distanz härter. Jeder Kilometer zwischen Kita, Supermarkt und Büro ist eine direkte Barriere für die ökonomische Teilhabe von Frauen.
  • Intersektionalität: Eine feministische Stadt nicht nur weiße, mittelalte Frauen im Blick haben darf, sondern auch die Barrieren für People of Color, arme Menschen und Menschen mit Behinderungen abbauen muss.
  • Widerstand gegen die „Gläserne Decke" der Architektur: Große, kalte Glasfassaden, monumentale Treppen und sterile Plätze signalisieren: "Hier wird gearbeitet oder konsumiert, aber nicht gelebt."
„Die Stadt ist eine von Männern gemachte Welt. Sie ist für eine Person gebaut, die sich keine Sorgen um Sorgearbeit, Sicherheit oder Barrierefreiheit machen muss."
Die Angst von Frauen in der Stadt ist eine Form der sozialen Kontrolle. Sie schränkt unsere Bewegungsfreiheit ein, unsere Wahl des Wohn- und Arbeitsortes und unser Gefühl der Zugehörigkeit.

Neutraler Raum?

Positionierung statt Neutralität:

  • Statt zu versuchen, einen Raum für alle identitätslos zu machen, geht es darum, den Raum so zu gestalten, dass er verschiedene Positionierungen gleichzeitig zulässt.
  • Raum durch kollektive Praxis so umzugestalten, dass er die Vielfalt gelebter Identitäten nicht nur toleriert, sondern ermöglicht (Recht auf Stadt) Wie soll diese Stadt aussehen?

ZIEL?

Raum der sich von verschiedensten Positionierungen gleichzeitig feministisch aneignen lässt

02 — Studien

Ungleich Statistik

Physische Raumaneignung durch Körpersprache

Tuckel, P., Milczarski, W. und Benediktsson, M. O. (2016) Behavior of New York City Subway Riders. New York: Hunter College, City University of New York.

Die studentischen Forscher in dieser Studie beobachteten Verstöße gegen fünf Regeln des Verhaltens in der U-Bahn: Manspreading (breitbeiniges Sitzen), das Tragen eines Rucksacks im Stehen in einem überfüllten Zug, Essen, Körperpflege und das Blockieren von Haltestangen („pole-hogging").

In der Gesamtstichprobe wurde festgestellt, dass 39 Prozent der stehenden Fahrgäste einen Rucksack trugen und 26 Prozent der sitzenden männlichen Fahrgäste „Manspreading" betrieben. Beide Verhaltenskategorien werden zu schwerwiegenderen Etiketteverstößen, wenn es im Zug voll wird.

Der Anteil der stehenden Fahrgäste, die einen Rucksack tragen, sinkt nur um wenige Prozentpunkte (von 41 % auf 37 %), wenn sich ein U-Bahn-Wagen von „fast leer" zu „vollständig besetzt" füllt. Ebenso gab es keine Anzeichen dafür, dass männliche sitzende Fahrgäste weniger zu „Manspreading" neigten, wenn sich die benachbarten Sitzplätze füllten.

Männer nutzen statistisch gesehen wesentlich häufiger diese raumeinnehmenden Posen. Dies korreliert mit soziologischen Theorien (wie von Nancy Henley), wonach das „Sich-Ausbreiten" ein Signal von Macht ist, während das „Sich-Zusammenziehen" Anpassung signalisiert.

— „Expansive Posture Displays Increase Attraction in Romantic Contexts" (2016). Tanya Vacharkulksemsuk, Elizabeth Reitman, P. Khutrakun, et al.

Geschlechterspezifische Raumnutzung von Kindern

Analyse des Bewegungsverhaltens im Außenraum

Die Auswertung der Bewegungsmuster zeigt deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede in der Raumnutzung auf dem Spielfeld sowie im Gartenbereich:

  • Dynamik auf dem Spielfeld: Während die Bewegungen der Jungen als konzentriert, intensiv und fast schon „chaotisch" beschrieben werden, folgen die Mädchen einem klareren, weniger dichten Strukturmuster. Sie bewegen sich vorwiegend entlang der Begrenzungen (Perimeter) oder an spezifischen Fixpunkten.
  • Raumgreifen im Garten: Im Gartenraum zeigen Jungen ein extensives, stark verwobenes Bewegungsmuster, das auf eine flächige Bespielung des gesamten Areals hindeutet. Im Gegensatz dazu nutzen Mädchen definierte Pfade und weniger vernetzte Routen.
  • Dominanz und Reichweite: Die zurückgelegten Distanzen sind bei den Jungen insgesamt größer. Jungen „besetzen" zentrale Positionen. Die Mädchen hingegen verfügen über kein festes Zentrum für ihre Aktivitäten.
  • Altersstruktur: Während jüngere Kinder noch gemeinsam spielen, lässt sich bei älteren Kindern eine deutliche Segregation nach Geschlecht feststellen.
Bewegungskarten Mädchen Bewegungskarten Jungen

Mädchen gaben an gerne in Sport und Gesellschaftsspiele aktiv zu sein
→ dominieren weder Sportplatz noch Gartenflächen

Jungs gaben an lieber im Sport aktiv zu sein als Gesellschaftsspiele
→ Jungs dominieren Sportplatz und Gartenflächen

Widerspruch zwischen ihrem Nutzungswunsch und der tatsächlichen Präsenz.

03 — These

„Öffentlicher Raum wird vom Mann dominiert"
„Öffentlicher Raum ist kein neutrales Terrain, sondern wird durch ein asymmetrisches Aneignungsverhalten dominiert."